"Lieber Türke als Papist!"

Reformation, Heilsglaube und Renegatentum

in (18.10.2017)

In seinem 1995 erschienenen Buch über "Piratenutopien" fragt der anarchistische Autor Peter Lamborn Wilson alias Hakim Bey, wie es eigentlich kam, dass in der Zeit vom ausgehenden 15. bis ins 18. Jahrhundert Tausende Europäer ihre Heimat verließen, um zum Islam überzutreten und sich in den sogenannten Barbariskenstaaten Nordafrikas oder im Osmanischen Reich niederzulassen. Das erscheint umso erstaunlicher, als die Abkehr vom Christentum nicht nur als unverzeihlicher Verrat tabuisiert war. Mehr noch war über die andere Religion wenig bekannt, und die islamische Welt wurde vor allem im Bild der "Türkengefahr" wahrgenommen – das es in gewandelter Gestalt immer noch gibt: Der Alptraum vom "Renegaten" kehrt in Form der Konvertiten, die in den Jihad ziehen, aus dem Dunkel der Geschichte wieder. Wilsons Frage ist eng verbunden mit derjenigen nach den treibenden Kräften der Reformation – und dem Grund ihres Scheiterns.

 

Sie waren gehasst, gefürchtet, geächtet, verfolgt: die Renegaten, Menschen, die dem Christentum absagten und zum Islam übertraten. Martin Luther hielt einen solchen Schritt für geradezu undenkbar. Wenn jemand fest im Glauben stand, wie konnte er ihm abschwören? Dennoch gab es diese Erscheinung. Weithin Bekanntheit erlangte der Fall des evangelischen Predigers Adam Neuser. Sein abenteuerlicher und tragischer Lebenslauf wurde erst vor wenigen Jahren auf der Grundlage überraschender Dokumentenfunde von dem Historiker Martin Mulsow neu nachgezeichnet.

 

"Gott ist Einer, ein ewig reiner ..."

 

Neuser war seit 1560 Pfarrer an der Heidelberger Peterskirche und Anhänger des 1531 verstorbenen Zürcher Reformators Ulrich Zwingli. Dieser hatte besonders auf die Beachtung des biblischen Bilderverbots und eine Trennung weltlicher und geistlicher Macht gedrängt. Damals deutete sich jedoch an, dass in der Kurpfalz die strenge Kirchenzucht nach dem Genfer Vorbild Johannes Calvins eingeführt werden sollte. Jeder Verstoß gegen die Gemeindeordnung wurde dort verfolgt und geahndet. Das hatte ein Klima der Einschüchterung und des Terrors geschaffen. Diese Aussicht empörte Neuser. 1553 war auf Betreiben Calvins in Genf Miguel de Serveto auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden. Neuser begann, sich mit einem kleinen Zirkel von Mitstreitern dem Antitrintarismus zuzuwenden, wie ihn der spanische Theologe vertreten hatte. Sie teilten die Einschätzung Servets, dessen Schriften wie auch die anderer Vertreter des Unitarismus in Polen-Litauen und in Siebenbürgen verlegt wurden, dass die Lehre von der göttlichen Dreifaltigkeit biblisch nicht bezeugt war: Jesus war nur Mensch, kein Gott; Gott ist wie bei Juden und Muslimen Einer. In diesem Zusammenhang studierte Neuser auch die von Theodor Bibliander 1543 veröffentlichte lateinische Koranausgabe und andere Schriften über den Islam. Zudem gelangte er zu einer eigenwilligen Auslegung des biblischen Buches Daniel, mit der er die Legitimität des Heiligen Römischen Reiches (HRR) in Frage stellte. Schon im Namen drückte dieses den Anspruch aus, die bruchlose Fortsetzung des Imperium Romanum zu sein, das seit der Antike mit dem "vierten Reich" des Danielbuches, dem letzten vor Anbruch der Gottesherrschaft, identifiziert worden war. Doch Neuser schloss, dass nicht das HRR das darin erwähnte "eherne Reich" sei – sondern das Osmanische.

1569 soll Neuser, der in Heidelberg keine Zukunft mehr sah, zum ersten Mal versucht haben, nach Siebenbürgen zu gelangen, damals ein Fürstentum, das zu Ungarn gehörte, das wiederum dem Osmanischen Reich tributpflichtig war. 1543 war dort auf Initiative des Kronstädter Humanisten Johannes Honterus zuerst in den deutschen Kirchen die Reformation nach dem Vorbild Luthers eingeführt worden. Neuser scheint geglaubt zu haben, dass sich Siebenbürgen seitdem in eine Hochburg der Antitrinitarier bzw. Unitarier verwandelt hatte. Denn der vom osmanischen Sultan protegierte ungarische König Johann Sigismund Zápolya war zum unitarischen Glauben übergetreten, und 1568 hatte der siebenbürgische Landtag in Turda/Thorenburg ein Toleranzedikt erlassen, in dem der lutherische, der reformierte, der katholische und der unitarische Glaube als gleichberechtigt anerkannt wurden. Siebenbürgen war damit das erste Land Europas, in dem weitgehend Religionsfreiheit herrschte – wenn man davon absieht, dass der orthodoxe Glaube der rumänischen Bevölkerung keine Erwähnung in dem Edikt fand und lediglich geduldet wurde. Wenige Jahre später garantierte Polen-Litauen mit der Warschauer Verfassung noch umfassendere Freiheitsrechte.

Neuser musste seine Reise aufgrund seiner mangelnden Sprachkenntnisse in Bratislava abbrechen und umkehren. In Heidelberg verlor er die Pfarrstelle, so dass er nur noch an der dortigen Heiliggeistkirche eine Andacht halten konnte, wo er zudem unter direkter Aufsicht des Reformators Caspar Olevian stand. Als 1570 im nicht weit entfernten Speyer ein Reichstag stattfand, entschlossen Neuser und sein Vertrauter Johann Silvanus sich, den siebenbürgischen Gesandten Gáspár Békés aufzusuchen, der zu der Versammlung angereist war. Neuser und Silvanus wollten ihn, der seinerseits Unitarier war, darum bitten, ihnen eine Übersiedlung zu ermöglichen. Aber Békés musste sie enttäuschen. Er konnte ihnen nicht helfen. Er war in jenem Jahr nach Speyer gekommen, um einen politischen Kurswechsel weg vom Osmanischen Reich und hin zum HRR und den Habsburgern in die Wege zu leiten, dem sich allerdings über Johann Sigismunds Tod 1571 hinaus der ungarische Adel Siebenbürgens widersetzte. Neuser und Silvanus mussten nicht nur unverrichteter Dinge aus Speyer zurückkehren. Mehr noch erfuhr Kaiser Maximilian II. von ihrem Gesuch. Der Kurfürst, zweithöchste Autorität im HRR, stand unter Druck, dem katholischen Monarchen zu beweisen, dass Häresie auch in protestantischen Gebieten nicht geduldet würde: Silvanus wurde festgenommen, gefoltert und auf dem Heidelberger Marktplatz vor den Augen seiner Kinder geköpft. Neuser jedoch entkam.

Bei einer Hausdurchsuchung fanden die kurpfälzischen Behörden einen Brief, den Neuser im gleichen Jahr auf Latein an den osmanischen Sultan Selim II. verfasst, aber nicht abgeschickt hatte. Er existiert nicht mehr im Original, lediglich in einer deutschen Übersetzung und in von Neuser später aus dem Rückblick rekonstruierten Fassungen, die kürzlich wiedergefunden wurden. Er beklagt sich über die in den Kirchen nach wie vor praktizierte Vergöttlichung Jesu. Auch verleiht er nicht nur seiner Überzeugung vom Osmanischen als dem vierten Reich Daniels Ausdruck, sondern mehr noch der Annahme, der Islam sei die bessere Religion, und bittet einmal mehr für sich und seine Familie um Asyl. Besondere Aufmerksamkeit verdient seine Darstellung der Zustände im HRR: "Die Bischöfe und Obrigkeiten drücken den armen Mann so heftig, dass er öffentlich Ew. Majestät Zukunft begehrt, damit Ew. Majestät das deutsche Reich besiegen und den Armen erledigen tue. Jetzt hört man, dass männiglich bei ihnen klagt, alles, was ihre Pfaffen insgemein sagen, sei ungewiss und erlogen." Ein Aufruf an den osmanischen Sultan, das HRR zu erobern, um die aus Neusers Sicht ungerechte weltliche und geistliche Herrschaft abzuschütteln, eine Stellungnahme für den Islam, das war nicht allein Hochverrat und Ketzerei und wurde mit dem Tode bestraft – es war auch Verzweiflung über den Verlauf der Reformation, die Hoffnungen auf eine gründliche Erneuerung der Kirche und soziale Veränderungen geweckt, aber nicht erfüllt hatte und angesicht der Machtkonstellationen ihrer Zeit auch nicht erfüllen konnte.

Wieder versuchte Neuser, verkleidet als Frau oder in ein Weinfass eingeschlossen, nach Siebenbürgen zu gelangen, wieder erwies sich die Grenze als schier unüberwindliches Hindernis. Er stellte sich selbst den Behörden und wurde in Amberg eingekerkert, Doch erneut konnte er fliehen. Er soll nach London und Paris gegangen sein, wurde aber erkannt. Der Ruf als eines gefährlichen Ketzers war ihm vorausgeeilt. Schließlich gelangte er über Polen-Litauen 1571 doch noch ins siebenbürgische Cluj, wo er eine Arbeit als Prediger fand. Allerdings gab es Pläne des HRR, ihn von dort zu entführen und wieder nach Heidelberg zurückzubringen. Auch hatte er seit seiner Flucht an einer Verteidigungsschrift gearbeitet, die er drucken lassen wollte. Eine Möglichkeit dazu schien sich in Timişoara zu bieten. Die Stadt lag außerhalb des Fürstentums Siebenbürgen in einem Gebiet, das vom Osmanischen Reich annektiert worden war. Dort wurde er als Spion festgenommen. Neuser drohte unbestimmte Haft oder auch die Auslieferung an das HRR. In dieser Situation trat er zum Islam über und trug fortan den Namen Mustafa Beg. Ende 1572 kam er in Istanbul an, wo er sich zum Beispiel mit Aufträgen als Übersetzer am Hof des Sultans durchschlug.

 

Verkehrte Welt

 

Neusers nicht abgeschickter Brief ist der Beweis, dass seine Konversion nicht aus reiner Not geschah. Seit längerem muss er mit diesem Gedanken gespielt haben. Auch bestätigen Zeitgenossen, dass er den Übertritt nicht als reine Formsache ansah. Als Neuser im Sommer 1573 Besuch von dem Abenteurer Jakob Palaeologus erhielt, einer Schlüsselfigur der siebenbürgischen Antitrinitarier, beschäftigte er sich mit einer damaligen Einführung in den Islam. Das betreffende Buch soll aus der Feder eines anderen Konvertiten gestammt haben, der seinen Gegenstand ahistorisch als humanistisch inspirierte Vernunftreligion deutete, wie Palaeologos in seinen Aufzeichnungen anmerkte. Zugleich berichtet Palaeologus, wie Neuser Zeuge wurde der Hinrichtung des bosnischen Scheichs Hamza Bali, dem trinitarisches Gedankengut vorgeworfen wurde. Verkehrte Welt! Hatte er selbst doch wegen seiner entgegengesetzten unitarischen Überzeugungen Deutschland fliehen müssen, um nun zu erleben, dass die osmanische Geistlichkeit gegenüber Trinitariern in den eigenen Reihen nicht weniger unnachgiebig war.

Neuser hatte den Ort seiner utopischen Hoffnungen erreicht und war in der Fremde gestrandet. Über den Gesandtschaftspfarrer Stephan Gerlach soll er vergeblich versucht haben, eine Vereinbarung zu treffen, um nach Heidelberg zu seiner Familie zurückkehren zu können. Als Gegenleistung soll er spioniert haben. Auch heißt es, dass er sich mit der Entwicklung – von selbstfahrenden Wagen und mit Alchemie beschäftigt haben soll. Zudem habe er an einer verbesserten Übersetzung des Koran gearbeitet und nach alten Manuskripten gesucht, um Licht in die Religionsgeschichte zu bringen. Mulsow urteilt, dass er damit die spätere historisch-kritische Forschung vorwegnahm. Doch schon im Herbst 1576 starb Neuser an der Ruhr. Den Tod vor Augen, sparte er nicht einmal für seine Bestattung, sondern ertränkte seinen Schmerz im Alkohol, wie Mulsow schreibt. Auf der Suche nach dem "wahren Glauben" hatte Neuser ihn vollends verloren. Es war das Ende eines Abtrünnigen, wie es sich die Sachwalter von Kirche und Staat nicht anders gewünscht haben mögen. Er wurde als verkommener Mensch zweifelhafter Moral und übler Trinker dargestellt, der mit der Krankheit von Gott für seinen Abfall vom Glauben gestraft worden sei. Dabei war es gerade Neusers Grenzübertritt, sein Suchen und Experimentieren, wodurch er heute aus dem Rückblick modern erscheint. Anders als Luther, der fest in der mittelalterlichen Frömmigkeit befangen war.

Lessing, der schrieb, dass es in bestimmten Zeiten die höchste Auszeichnung sei, ein Ketzer genannt zu werden, wagte eine Ehrenrettung Neusers. Im Zuge des sogenannten Fragmentenstreits mit der protestantischen Orthodoxie in Gestalt des Hamburger Pfarrers Götze kam Lessing selbst in den Geruch der Häresie. Darauf verfasste er sein Drama "Nathan der Weise", in dem er in der "Ringparabel" der Idee von der Gleichberechtigung der drei Religionen Ausdruck verlieh. Sie sind alle gleich wahr – oder gleich falsch? Es war dieses Drama, das nach der Wiedereröffnung des "Deutschen Theaters" in Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Massenmord der Nazis an den Juden, an dem sich auch evangelische Kirchen beteiligt hatten, als erstes auf dem Spielplan stand. Das verdeutlicht die Bedeutung der Tradition, die von den Dissidenten der Reformation bis in die Gegenwart reicht.

 

See-Jihad

 

Luthers Aufbegehren gegen Kirche und Kaiser wird gerne gedeutet als epochaler "Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit", wie Hegel die "Weltgeschichte" nannte. Ob die Aufklärung oder die Französische Revolution, die Erweiterung des Wissens und die Entwicklung der Technik, alles, was in die Zukunft weist, soll in einer Linie mit dem Wirken des Reformators stehen. Scheinbar durch soziologische Forschung belegt und ihres Idealismus entkleidet, liegt diese Sichtweise auch Max Webers Behauptung zugrunde, es sei maßgeblich der Protestantismus gewesen, der den Siegeszug des Kapitalismus beförderte: Ein allen frommen Ballasts entledigter Glaube habe eine entzauberte Welt geschaffen, in der sich die persönliche Erwählung am materiellen Erfolg erweist.

Wenn heute der Glaube an den Fortschritt als profane Heilslehre alltäglicher ist als der an irgendeinen anderen Gott und der Kapitalismus alternativlos scheint, darf man nicht vergessen, worauf diese beruhen: Gewalt und Ausbeutung. Die Plünderung von Konstantinopel durch die Kreuzfahrer und Venezianer im 13. Jahrhundert ging der Renaissance voraus. Kolumbus konnte erst in die "Neue Welt" übersetzen, nachdem im gleichen Jahr 1492 mit der Eroberung Granadas den dortigen Juden und Muslimen die für seine Expedition erforderlichen Mittel gestohlen worden waren. Die sogenannte Reconquista ging nahtlos über in den Kolonialismus. Unter dem gleichen Habsburger Karl V., vor dem Luther sich auf dem Reichstag zu Worms standhaft zeigte, wurde in Übersee aus reiner Habgier und zur Finanzierung der kostspieligen Kreigführung des Kaisers die Vernichtung ganzer Zivilisation betrieben. Dass die Zustände im HRR nur graduell besser waren, lässt sich aus den Zwölf Punkten herauslesen, die die von Luther verratenen Bauern verfassten: Sie sprechen von der Enteignung des gemeinschaftlich genutzten Landes, dem Verlust von Rechten und Abgaben, die sie nicht mehr begleichen konnten. Die Ausbeutung und Entrechtung waren der Motor der Moderne, nicht der Geist des Humanismus oder die Reformation. Wenn auch Luthers Streit wider den Ablass traf die Kirche in ihrem Nerv – nicht der Theologie, sondern den Finanzen. Es folgte die Enteignung der katholischen Kirchengüter, die wiederum ein Anschub für den Kapitalismus war. Die Neuzeit begann nicht mit mehr Freiheit, sondern mit neue Methoden ihrer Einschränkung, wofür die von Neuser abgelehnte Gemeindeordnung von Genf das treffende Beispiel ist.

Die Vertreter des HRR und der römischen Kirche und auch Luther deuteten das Osmanische Reich und den Islam im Zeichen des Millenarismus, der wie die bereits erwähnte Reichelehre aus der Bibel abgeleitet war, in diesem Fall aus der Johannesapokalypse. Demnach waren sie schlicht Teufelswerk. Der Fall Neuser zeigt die kritische Funktion von Gelehrsamkeit, wie sie die Reformation verbreiten half. Sein Weg führte in die Hauptstadt des Osmanischen Reiches, das ihm aus der Ferne, in der Theorie als idealer Staat erschienen war. Andere schlossen sich den nordafrikanischen Piraten an. Dies geschah zumeist unfreiwillig. Auf See in Gefangenschaft geraten, traten sie lieber zum Islam über, als in der Sklaverei zu enden. Doch gab es auch Beispiele freiwilliger Konversion, in einem für den englischen evangelischen Missionar John Harrison, der vergeblich versuchte, unter Muslimen Anhänger für die neue Konfession zu gewinnen, solch beängstigenden Ausmaß, dass er Anfang des 17. Jahrhunderts den protestantischen König James I. aufforderte, mit den Piraten aufzuräumen, damit nicht noch mehr Christen an den Islam verlorengingen. Es waren dies die Tausende europäischer Konvertiten, von denen der zu Beginn erwähnte Peter Lamborn Wilson sprach. James I. sah keinen Handlungsbedarf, hatten England und die nordafrikanischen "Barbariskenstaaten" doch in Spanien einen gemeinsamen Feind.

"Lieber Türke als Papist!" war ein Schlachtruf der niederländischen Freiheitskämpfer, der sogenannten Geuzen, als sie sich 1568 gegen die Fremdherrschaft der spanischen Habsburger erhoben. Reformierte Bilderstürmer übertünchten Malereien und rissen Skulpturen aus den Kirchen. Watergeuzen attackierten die Habsburger mit ihren Schiffen. Ein Seefahrer im 80jährigen Befreiungskrieg war der in Haarlem geborene Jan Janszoon. Als er bei Lanzarote Schiffbruch erlitt, soll er von Ivan de Veenboer, der zum Islam übergetreten und unter dem Namen Slemen Reis Admiral der osmanischen Flotte in Algier geworden war, gerettet worden sein. Dieser fühlte sich seinen früheren Landsleuten nach wie vor zugetan und machte Janszoon zu seinem Steuermann. 1620 wurde Slemen Reis im Gefecht tödlich verletzt. Janszoon übernahm sein Schiff, wurde seinerseits Muslim und hieß fortan wie ein berühmter Pirat der Jahrhundertwende Murat Reis. Unzufrieden damit, dass das Osmanische Reich, das unter Sultan Süleyman I. den Kaperkrieg gegen die Habsburger im Mittelmeer begonnen hatte, um darin über Jahrzehnte die Seehoheit zu erlangen, inszwischen mit diversen europäischen Staaten Frieden geschlossen hatte, wechselte er von Algier nach Salé an der marokkanischen Atlantikküste.

Die Einwohner von Salé lebten überwiegend von der Piraterie. Sie waren mehrheitlich von der Iberischen Halbinsel geflohene oder vertriebene Juden und Muslime, unter letzteren viele zwangskonvertierte Morisken. Der Übertritt zum Katholizismus schützte sie am Ende nicht vor Verfolgung und Ausweisung. Bis heute wird in Marokko die Erinnerung an die Zeit Andalusiens nicht aufgegeben, den Verlust des Paradieses, wie die Malhoun-Musik bezeugt. Die jüdische Bevölkerung unterhielt enge Beziehungen in die Vereinigten Niederlande, das einzige "christliche" Land, das den Sepharden in nennenswerter Zahl Asyl gewährt hatte und den Aufbau eines Gemeindelebens gestattete. Der Kontakt unter den jüdischen Exilanten, auch zu denen in anderen Piratenstadtstaaten wie Algier, Tunis oder Tripolis, die formal zum Osmanischen Reich gehörten, war nie abgerissen. Als Murat Reis in der Stadt an der Mündung des Bouregreg ankam, hatten die Salétiner beschlossen, eine Republik zu gründen, nach Wilson das erste demokratische und unabhängige Staatswesen der Neuzeit überhaupt. Der Stadtrat wählte sogleich den erfahrenen Seefahrer Murat Reis zum Präsidenten und Großadmiral. Schließlich befand man sich im Krieg, im See-Jihad gegen Spanien und sann auf Rache für die Verluste und Demütigungen, die ihnen die katholischen Herrscher zugefügt hatten. Zwar wollte der marokkanische Sultan Moulay Zidan die Republik auf seinem Hoheitsgebiet zunächst nicht dulden und soll Salé belagert haben. Aber dann entschied er sich pragmatisch, Murat Reis als Statthalter anzuerkennen, so wie Marokko über Jahrhunderte seiner Geschichte eine Föderation aus dem vom Sultan beherrschten Gebiet und autonomen Stammesgebilden war. 1621 schloss Moulay Zidan mit den niederländischen Generalständen einen Freundschafts- und Kooperationsvertrag ab. Letztere entliehen Kriegsschiffe nach Marokko, die von dort aus unter der Flagge des Sultans die Spanier angreifen sollten. Auch wollte Moulay Zidane mit Hilfe der Niederländer einen neuen Hafen errichten, der besser geschützt war.

 

Orte des Glücks

 

Der Pakt zwischen Marokko und den Vereinigten Niederlanden kam auch Murat Reis zugute, als er 1622 auf einem seiner Streifzüge in Richtung Britannien in den Hafen von Veere einlaufen musste, um Proviant aufzunehmen. Zwar hatten die Niederlande Piraterie verboten. Doch Murat Reis hatte die Flagge des Sultans gehisst und beanspruchte als Admiral der marokkanischen Flotte Immunität. Die Behörden brachten seine zurückgelassene Familie herbei. Sie konnte ihn jedoch nicht bewegen, sein Freibeuterdasein aufzugeben. Im Gegenteil sollen weitere Niederländer die Gelegenheit genutzt haben, sich den Piraten anzuschließen. Murat Reis war berüchtigt: So eroberte er die Insel Lundy im Kanal von Bristol, die mehrere Jahre gehalten wurde. Bei der Einnahme von Baltimore verschonte er alle Iren und nahm nur Engländer gefangen. Vor allem aber in die Geschichte eines Landes hat Murat Reis seinen Namen unauslöschlich eingeschrieben – die isländische. 1627 überfiel er gemeinsam mit mehreren algerischen Schiffen die damals zu Dänemark gehörende Vulkaninsel, wobei zahlreiche Isländer nach Nordafrika entführt und dort versklavt wurden.

Die berühmteste Gefangene wurde Guðríður Símonardóttir, die einen Brief nach Island schrieb und Jahre später, nachdem sie vom dänischen Botschafter in Algier freigekauft worden war, wieder zurück nach Island gelangte. Sie heiratete den Pfarrer Hallgrímur Pétursson, einen bedeutenden isländischen Dichter. Ein weiterer Gefangener war der evangelische Pfarrer Ólafur Egilsson, der nach seiner Ankunft in Algier freigelassen wurde, um nach Island zurückkehren zu können und Lösegeldgesuche zu übermitteln. Über seine Odyssee vom Überfall der Korsaren bis zu seiner Rückkehr schrieb er einen Bericht. Er gelangte mit dem Schiff zunächst nach Livorno, wollte zu Fuß über Mailand die Alpen überqueren, aber ins Kernland des HRR weiterzureisen erwies sich als lebensgefährlich. Also kehrte er um. Er gelangte über Genua und Marseille dank der Hilfe niederländischer Seeleute mit dem Schiff über die Vereinigten Niederlande nach Dänemark und von dort nach Island. Seit seiner Gefangennahme war knapp ein Jahr vergangen.

Hegel schrieb, die Weltgeschichte sei nicht der Ort des Glücks. Die Episoden des Glücks seien leere Blätter in ihr. So ist vom Alltag der Piraten wenig bekannt. Murat Reis und andere Piraten haben nichts Biographisches hinterlassen. Wenn man heute an Piraten denkt, dann unvermeidlich an Hollywoodfilme, die wiederum auf Abenteuerliteratur zurückgehen – letztlich das Buch "Libertatia", über dessen Autorschaft es zahlreiche Spekulationen gibt. Doch muss man die Vorstellung ablegen, es handelte sich bei den Salétinern um ungehobelte Draufgänger fragwürdiger Gesinnung. Auch die Berichte Egilssons und der anderen Gefangenen belegen dies nicht. Bei allem Horror, von dem Egilsson schreibt, erwähnt er auch die Disziplin der muslimischen Seeleute. Es gab keinen Kadavergehorsam, keine unmotivierte Grausamkeit, sondern Ansätze eine Gleichheit und Menschlichkeit im Umgang, die sich von dem Standesdünkel der europäischen Gesellschaften abhoben. Zwar wurden die Gefangenen als Sklaven verkauft, es sei denn, sie konvertierten. Aber das war nichts gegen die systematische Verschleppung von Menschen, die Portugiesen, Spanier, Engländer, Dänen, Franzosen und gerade auch Niederländer praktizierten, die mit ihrer Ostindienkompanie als Erfinder des modernen Kapitalismus gelten können. England, wo die Reformation unter Heinrich VIII. aus reinem Machtkalkül eingeführt worden war, wurde zum Mutterland der industriellen Revolution. Die Methoden, derer sich insbesondere die englische Royal Navy bediente, um Seeleute zum Dienst zu pressen, und die schlechte Behandlung an Bord sind legendär.

Die Piraten lehnten die europäische Lebensweise und Gesellschaft ab. Weit verbreitet bis heute ist in Salé und ganz Marokko der Sufismus, die mystische Strömung des Islam. Diese brachte immer wieder Befreiungsbewegungen hervor. Jüdische Salétiner sollen mit dem Messianismus des Sabbatai Zwi sympathisiert haben. Man verkennt heute die Bedeutung von Heilserwartungen, vor allem wird übersehen, wie sie in säkularisierter Form fortleben. Die Symbolik der USA, deren Siegel eine "neue Ordnung der Zeitalter" ankündigt, ist ein Beispiel dafür. Marokko war das erste Land, das ihre Unabhängigkeit anerkannte. Die Verfassung von Salé war auf eine Weise demokratisch, dass es bei Auswärtigen Kopfschütteln hervorrief. Verwunderung kann auch der heutige Parlamentarismus bei Außenstehenden auslösen. Wilson spricht von einer "temporären autonomen Zone", in der die Piraten gelebt hätten. Die europäischen Kaufleute investierten in Schiffe und Ladungen. Kriege waren eine Ausgabe, die sich für die Handelsgesellschaften zu rentieren hatte. Auch die Piraterie war ein solch merkantilistisches Unternehmen. Der Aufstieg von Nationen wie England oder den Niederlanden, dann den USA begann auch mit Freibeutertum. Daraus geht zudem hervor, warum die Barbariskenstaaten auf lange Sicht den Europäern unterlegen waren. Sie konnten noch so viel Waren und Schätze erbeuten, die über die Meere transportiert wurden, oder Küstenorte plündern. Das Britische Empire zum Beispiel gab sich mit solchen Kleinigkeiten nicht zufrieden. Es beanspruchte nichts weniger als ein "Reich, in dem die Sonne nie unterging" – wie es schon Kaiser Karl V. besessen zu haben glaubte.

 

Maurische Wissenschaft

 

Als am 3. Juni 1829 ein Flottenverband ausgerechnet der österreichischen Marine vor der Hafenstadt Larache erschien und die dortigen Kriegsschiffe zerstörte, ging nicht allein für Marokko ein Zeitalter zu Ende. Jahrhundertelang war Nordafrika Zuflucht und Heimat von Freibeutern. Das nordafrikanische Land war ebenso wie die nominell unter osmanischer Herrschaft stehenden "Barbariskenstaaten" Algier, Tunis und Tripolis auf die Einkünfte aus Kaperfahrten und die Tributzahlungen angewiesen, mit denen sich die Europäer von der Bedrohung freikauften. In diesem Jahr 1829 aber machten diese dem marokkanischen Sultan Moulay Abderrahmane deutlich, dass es damit ein für alle Mal vorbei war. Seit Beginn seiner Regentschaft 1822 hatte er darauf gesetzt, die eigene Marine zu modernisieren und zu erweitern. Doch die Großmächte, die sich nach dem Ende der napoleonischen Kriege 1818 auf der Konferenz von Aachen verbündet hatten, insbesondere um revolutionäre Bestrebungen auf dem Kontinent im Keim zu ersticken, duldeten nicht mehr, dass in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft ein Land wie Marokko nach gänzlich anderen Prinzipien funktionierte und ihnen überdies Bedingungen stellte. Zwar versuchten Moulay Abderrahmane und seine Nachfolger nochmals, das Blatt zu wenden. Vergeblich: Sie hatten den Europäern nichts mehr entgegenzusetzen.

Doch die Geschichte der Piraten geht weiter. Murat Reis starb in betagtem Alter. Vor seinem Tod besuchte ihn seine Tochter aus den Niederlanden. Wilson berichtet, dass ein Sohn des Freibeuters nach New York gegangen sei, eine Stadt von Piraten, wo er, verheiratet mit einer Quäkerin, der erste Fremde im damals von Indianern bewohnten Brooklyn gewesen sein soll. Anfang des vergangenen Jahrhunderts berief sich der Moorish Science Temple of America auf die Tradition solcher Zuwanderer. Aus ihm ging die Nation of Islam hervor, deren bekanntester Vertreter Malcolm X war. Seinem Zeitgenossen Martin Luther King jr. warf er vor, im Kampf um Bürgerrechte durch sein Beharren auf Gewaltlosigkeit und mit der Forderung nach Gleichstellung dem Gegner in die Hände zu spielen. Die Fahne der Nation of Islam ist der des Osmanischen Reiches nachempfunden. Als Martin Luther King drei Jahre nach Malcolm X ermordet wurde, war er zu einem scharfen Gegner des Kapitalismus geworden. Zu dessen führenden Vertretern zählen heute die Kapitäne, die großen Piraten des Silicon Valley. Sie haben auch die Theorie der "temporären autonomen Zonen" aufgegriffen. Nicht, weil ihnen an der Freiheit des Internets und der Kommunikation gelegen wäre. Sie träumen von Bereichen, in denen der Staat der Wirtschaft keine Grenzen mehr setzt. Mit Wilsons Anarchismus hat dies wenig zu tun. Es ist eine Illusion zu glauben, dass sich der Kapitalismus ohne Staat, ohne Militär entwickeln könnte. Offensichtlich kommt er nicht ohne Heilsglauben und Utopien aus. Darin war die Theologie stets eine treue Dienerin. Aber sie kann auch eine List sein, wie Walter Benjamin schrieb: "In jeder Epoche muss versucht werden, die Überlieferung von neuem dem Konformismus abzugewinnen, der im Begriff steht, sie zu überwältigen." Denn "auch die Toten werden vor dem Feind, wenn er siegt, nicht sicher sein."

 

García-Arenal, Mercedes – Wiegers, Gerard: A Man of Three Worlds. Samuel Pallache, a Moroccan Jew in Catholic and Protestant Europe, Baltimore/London 2003

Hreinsson, Karl Smári – Nichols, Adam: The Travels of Reverend Ólafur Egilsson, Washington 2016

Mulsow, Martin (Hg.): Kriminelle, Freidenker, Alchemisten. Räume des Untergrunds in der Frühen Neuzeit, Köln/Weimar/Wien 2014

Vollhardt, Friedrich (Hg.): Religiöser Nonkonformismus und frühneuzeitliche Gelehrtenkultur, Berlin 2014

Wilson, Peter Lamborn: Piraten, Anarchisten, Utopisten. Mit ihnen ist kein Staat zu machen, Berlin 2003

Zaki, M'barek – Charqi, Mimoun: Maroc. Colonisations et résistances 1830–1930, Salé o. J.

 

Der Aufsatz ist Teil eines Themenschwerpunkts "Reformation & Islam" in inamo 91, Herbst 2017