Verlieb dich oft!

Liebesbücher von Felicitas von Lovenberg und Manfred Theisen

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Verlieb dich oft, verlobe dich selten, heirate nie? Die Sehnsucht nach der romantischen Liebe.
by
Felicitas von Lovenberg
Publisher:
Droemer Knaur
Veröffentlicht 2005 in
München
304
pages
Price:
18,00

Felicitas von Lovenberg: Verlieb dich oft, verlobe dich selten, heirate nie? Die Sehnsucht nach der romantischen Liebe. München: Droemer Verlag 2005, 304 Seiten / 18,00 Euro (inzwischen auch als Knaur-Taschenbuch für 8,95 Euro)

Manfred Theisen: Der Liebescode. Von Steinzeitgenen und Liebeshormonen / Die Spielregeln unserer Leidenschaft. München: Droemer Verlag 2007, 256 Seiten / 16,90 Euro

Wer Sachbücher über die Liebe liest, der leidet - wer solche Bücher (oder über diese) schreibt, den treibt die Leidenschaft. Frisch Verliebte brauchen keine Bücher.

So kam es, daß Lovenbergs Liebesbuch vom sonnigen Buchmesse-Oktober 2005 bis zum kalt-düsteren Novembertag 2007 bei mir herumlag, ohne daß ich eine Zeile darüber zu Papier gebracht hatte. Dabei war ich 2005 ganz neugierig auf das Buch (oder eher die Autorin?). In irgendeiner Fernsehsendung sah und hörte ich sie, die gerade Geschiedene, ihr Motto - den Buchtitel ohne Fragezeichen - souverän erläutern.

Da sie Literaturredakteurin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist, erschien mir dies Liebesbuch besonders reizvoll. Denn ich muß zugeben, daß mir die FAZ, der ich seit Studienzeiten Ende der siebziger Jahre als Leser verbunden bin, früher als eine Veranstaltung älterer Herren erschienen war: von Karl Korn und Friedrich Sieburg abgesehen, fielen mir stets Namen wie Joachim Fest oder Johannes Groß, Ernst-Otto Maetzke (vor dessen Anwesenheit auf den Klos von DKP-Parteitagen gewarnt wurde, seiner Kenntnis aller Latrinenparole eingedenk, weshalb seine Berichte auch unter Genossen gern gelesen wurden), oder Friedrich Karl Fromme (dessen juristisch bestens fundierte Artikel mir zur Vorbereitung auf's juristische Staatsexamen dienten), nicht zu vergessen der - wie man lästerte - einzige Journalist der FAZ-Politikredaktion, den man wegen seines Namens nie hätte als USA-Korrespondent einsetzen können: Fritz Ullrich Fack.

Und nun solch eine attraktive und in völlig anderer Manier auftretende FAZ-Repräsentantin auf dem Bildschirm, Jahrgang 1974. Ich wollte es genauer wissen. Zumal ich im Sommer 2005 im FAZ-Feuilleton unter dem Titel "Scheiden tut weh" selbst einen Beitrag über die Anfänge der romantischen Ehe in Jena veröffentlicht hatte, wo immer noch kein Straßenname an Sophie Mereau erinnert, die im Romantikerkreis aus lebenslänglichem Eheknast ausbrach.

Erotische Turbulenzen in der FAZ!? Als Lovenbergs Buch zur Frankfurter Buchmesse 2005 erschien, handelten gleich zwei ihrer Kollegen (Günter Bannas und Patrick Bahners) gegen ihren Ratschlag und heirateten; auch von Feuilletonkollege Richard Kämmerlings wurde neues Familienglück vermeldet. Und von ihrer FAZ-Kollegin Katrin Hummel erschien der Roman "Anrufer unbekannt" über die Suche einer jungen Frau nach dem "Richtigen" bei Rowohlt.

Erst jetzt, bei neuem Verliebtsein und maltraitiert von der Leidenschaft, die - cliché und dennoch wahr - auch Leiden schafft, verspüre ich genug Antrieb, über das Buch (und ein themenverwandtes aus demselben Verlag) etwas zu notieren; quasi als Monolog in der Leere, das Thema "Liebe" nicht loslassen wollend, oder als Gespräch unter Abwesenden, Flaschenpost zum ach-so-vernünftig gegen "irrationale" Verliebtheit ankämpfenden, sich in Zeiten des Lokführerstreiks nach einem Leben in geregelten Bahnen sehnenden Gegenüber.

Der Titel deutetÂ’s schon an: kein Depribuch hat die frisch-geschiedene Lovenberg da geschrieben. Sie versinkt nicht in düsterer Nabelschau und stellt nicht unaufhörlich wehleidig die Frage, ob Liebe überhaupt noch möglich sei. Mit Sarkasmus und eigentlich recht heiter schaut sie sich im Garten der Lüste und Liebesarten um und klassifiziert recht witzig, was sie da vorfindet mit dem Schlachtruf "DonÂ’t marry, be happy"! Schon in einem endlich einmal lesenswerten, nämlich aussagekräftigen Inhaltsverzeichnis: Die Liebesehe - Vom siebten Himmel ins dritte Kellergeschoß. Die konventionelle Ehe - Kinder, Küche, Korrosion. Die Zweck- und Vernunftehe - Karriere am Traualtar. Die Mehrfachehe - Zum Zweiten, zum Dritten, zum Vierten. Die Ehe zu dritt - Bermuda-Dreieck der Liebe oder erfolgreiche Paartherapie? Der Single - Lieber in Freiheit allein als einsam zu zwei. Die ideale Beziehung - Endstation Sehnsucht.

Wir wissen nicht, ob die gute Fee vom Salon- & Liebeslöwen-Berg inzwischen herunter und in der Endstation oder wenigstens einer Auktion mit Zuschlag zum Zweiten angekommen ist - zwei Jahre sind eine lange Zeit -, aber fest steht, daß sie ein Buch vorgelegt hat, in das mit jeglichem Liebesleid man wollüstig eintauchen kann. Sie weiß bestens Bescheid über unseren liebesunordentlichen Alltag und über dessen literarische Verarbeitung. Dabei ist das Ganze auch noch soziologisch gut fundiert.

Der deutsche Buchhandel müßte dieses Buch der Bücher eigentlich prämieren: Die Anregungen weiterzulesen in Wilhelm Genazinos "Liebesblödigkeit", Henry JamesÂ’ "Porträt einer jungen Dame" oder Franziska zu Reventlows "Amouresken" sind unwiderstehlich. Und das Buch ist eine Fundgrube hervorragender Zitate zu Liebe und Ehe. Man wird ganz süchtig und hangelt sich von einem zum anderen. Denn das tröstet: Ist gar nicht so einzigartig, wieÂ’s mir gerade ergeht - und wie schön andere das schon auf den Punkt gebracht haben!

Dabei wird Lovenberg nie überheblich. Milde und verständnisvoll irrt sie mit uns durchs Labyrinth der Liebe. Die Tonart ist völlig anders als die, die Manfred Theisen in seinem Buch "Der Liebescode" anschlägt. Super-cool, als könnten ihn, den großen Durchblicker, die Niederungen wirklicher Leidenschaft nichts anhaben, als gäbe es da nicht Tränen und Küsse wirklich - sondern nur irgendwie chemisch zerlegbare Aggregatzustände -, so kommt das Buch des Wissenschaftsjournalisten schnoddrig-besserwisserisch daher. Wie eine Fibel zur Wappnung gegen emotionale Ausrutscher. Wer muß eigentlich wissen, daß "sie" mit 127 Millionen Fotorezeptoren nur 0,004 Sekunden benötigt, um sich das erste Bild von "ihm" zu machen? Wen interessiert ein Tip, wie in langjähriger Beziehung das körpereigene Hormon Oxytocin aktiviert werden kann? Das erinnert mich alles an die Auskünfte uralter Schulbücher, welche Strecken Spermien zurücklegen. Das taugte auch bloß für Dreisatzrechnungen, nicht aber zur Annäherung an die Klassenkameradin am Tisch nebenan. "Zeigt her eure Achselhöhlen" heißt ein Kapitel, ein anderes später - als würde ein Techniker über einen Raketenstart schreiben - dann "5. Stufe: Sonderbare Gesten: Hair-Flip und Axillapräsentation". Es wäre ja ganz reizvoll, fände man da ein kulturgeschichtliches Raisonnement über die Tabuisierung wilden Haarwuchses und den Siegeszug des US-amerikanischen erfinders King Camp Gillette. Fehlanzeige! Ein paar Seiten über die Biochemie der Liebe erfährt man gern, aber mehr als 250 Seiten lang solch Aufklärichtkauderwelsch, da ermüdet die Botschaft, Liebe sei nichts als ein Code, dem Männlein und Weiblein unterworfen sind. Es seien steinzeitliche Gene und Glückshormone, die für die Schmetterlinge im Bauch verantwortlich seien. In wissenschaftsgläubiger Zeit sind so einem Buch Scharen von Lesern garantiert, die mit so einem Handbuch endlich den Liebescode knacken wollen.

Ganz anders Lovenbergs - nicht derart eindimensionale und leidenschaftslose - Beweisführung. Sie ist bestechend mit all dem, was da kenntnisreich, gut recherchiert von Abaelard und Heloise bis Émile Zola und Woody Allen oder Mae West bezüglich des Ehe- und Liebesverhalten unter die Lupe genommen wird. Mit Blick auf Freunde und Nachbarn, Romanhelden und Schauspieler, Schriftsteller und Filmhelden entsteht eine Evolutionsgeschichte der Zweisamkeit.

Hier und da könnte man am Buch rumgemäkeln. An der Wessi-Perspektive der Frau aus dem Münsterland, die bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf Kinderbetreuungsstätten-Defizite "in Deutschland" beklagt, womit sie nur Westdeutschland meinen kann, sind doch im Prognos-Familienatlas 2007 erst jetzt wieder Ex-DDR-Städte mit ihrem (noch) vorhandenen Kita-Angebot unangefochten auf den Spitzenplätzen der Rangliste.

Auch verblüfft, daß Gustave Flauberts "Madame Bovary" sowohl im Literatur- als auch im diesem Buch extra beigefügten, personifizierten Beziehungsformenverzeichnis fehlt und im Text nicht ausführlicher behandelt wird (okay: Lovenberg ist offensichtlich eher der englischsprachigen Literatur zugeneigt). Und wenn die sowjetrussische Freie-Liebe-Propagandistin Alexandra Kollontai ebenso unerwähnt bleibt, merkt man, wie die Frauenbewegung der siebziger Jahre, die deren "Memoiren einer sexuell emanzipierten Kommunistin" wiederentdeckt und verbreitet hat, für die Nachgeborenen verpufft ist. Ebenso vergessen ist inzwischen das frühe Werk von Pascal Bruckner und Alain Finkielkraut, Autoren, die durchaus heute noch im intellektuellen Diskurs (zu anderer Thematik) auftauchen: Deren Neubestimmung der Formel "Ich liebe Dich" in ihrem Buch "Le nouveau désordre amoureux" (1979 deutsch: "Die neue Liebesunordnung") war mehr als nur eine Programmschrift der Singlegeneration und seinerzeit in der Szene sogar als Raubdruck begehrt.

Ob Lovenberg, deren Buch ein Kapitel über die Ehe zu dritt hat, das 1928 in Berlin erschienene Buch "La Maitresse légitime - Essai sur le mariage polygamique de demain" (deutsch 1928 in Berlin erschienen unter dem Titel "Ehen zu dritt") kennt? Mag sein, das sie das materialreiche Buch wegen des zeitbedingten Hintergrunds (Frauenüberschuß am Ende des Ersten Weltkriegs) unberücksichtigt gelassen hat. Aber auch auf Marianne Webers "Die Frauen und die Liebe" und auf das Marianne Weber im Affairengeflecht ihres Mannes Max Weber behandelte Buch von Martin Green "Else und Frieda - die Richthofen-Schwestern" fehlt jeglicher Hinweis. Unerwähnt auch der marxistisch inspirierte, aus Wilhelm Reichs Sexpol-Bewegung kommende Sexualwissenschaftler Ernest Bornemann, Verfasser des Mitte der siebziger Jahre erschienenen Wälzers "Das Patriarchat", der Mitte der neunziger Jahre sich das Leben nahm als das Verhalten seiner Geliebten, einer jüngeren Ärztin, ihn nicht eifersüchtig macht, aber sein "Weltbild untergräbt": "ein völliger Zweifel an meiner eigenen Menschenkenntnis und meinem Vertrauen, meiner Liebe", so seine Abschiedsworte, treiben ihn zur Selbsttötung. "In den letzten Jahren war er desillusioniert, sah allenthalben die Fähigkeit zur Liebe schwinden, zumindest deren industrielle Konditionierung überhand nehmen", schrieb die FAZ am 7. Juni 1995 in einem Nachruf.

Statt "Zabriski Point"-Leidenschaft abgeklärte One-Night-Stands. Narzistische Dating-Rituale sowie "Überbrückungs- und Ablenkungsfräuleins" (eine der vielen genialen Wortschöpfungen Lovenbergs) statt Abtauchen in die Strudel der Leidenschaft, denen man von außen nicht ansehen kann, wohin sie einen treiben. Statt Adornos "Geliebt wirst du einzig, wo du schwach dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren" eher Beziehungs-Darwinismus nach dem Motto Survival of the fittest. "Effektivität"-Denken und ungeduldiges Zeitdiktat auch in dem Bereich, der den Individuen Residuum sein könnte gegen die Zumutungen einer beschleunigten, alles verziffernden und berechnenden Welt.

Auch Lovenberg hat ein Kapitel "Liebe in Zeiten der Wegwerfgesellschaft", in dem es allerdings eher um die Ehe auf Zeit geht; ein Vorschlag, der unlängst von der Latexhandschuh-Landrätin und Stoiber-Herausforderin Pauli dem CSU-Parteitag gemacht und sogleich auch jenseits des CSU-Tagungsraums vom juste milieu dieser Republik entrüstet zurückgewiesen wurde. Bei Lovenberg lernen wir, daß dieses Konzept durchaus ernstzunehmende frühe Vorfahren hat, von Cervantes über Goethe bis Aldous Huxley, der in "Brave New World" Eheurkunden wie Hundemarken mit zwölfmonatiger Laufzeit auszuhändigen vorschlug.

Ceterum censeo: "Die wahren Romantiker sind heute diejenigen, die auf Sicherheit, Steuervorteile und Ehevertrag pfeifen." Gefunden bei Lovenberg schon auf Seite 16. Denn: Was sich liebt, das traut sich - nee: traut sichÂ’s!

post scriptum: Die Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 7. Dezember 2007 veröffentlichte "Ratschläge für unentschlossene Bücherkäufer". Unter dieser Überschrift empfiehlt Felicitas von Lovenberg in der Rubrik "Für Liebhaber" folgenden Titel: "Lob der Ehe". Ein welthistorisches Treuebuch. Herausgegeben von Rafik Schami. Manesse Verlag, München 2007. 512 S., geb., 19,90 EUR.