Die Konservative Revolution in Deutschland 1918-1932

Zwischen NSU und Nürnberger Nachrichten: Die ewige Wiederkehr der Wegbereiter-Diskussion

Die Konservative Revolution in Deutschland 1918-1932 / Ein Handbuch
by
Armin Mohler
und
Karlheinz Weißmann
Editor:
6., völlig überarb. und erweiterte Auflage
Publisher:
Ares-Verlag
Veröffentlicht 2006 in
Graz
643
pages
ISBN-13:
978-3-902475-02-2
Price:
€ 49,90

Seit dem Auftauchen NSU wird wieder nach Wegbereitern, Anstiftern, Stichwortlieferanten, nach Theorien, die den geistigen Nährboden bilden, gefahndet.

Vis-a-vis des bundesdeutschen Linksterrorismus der RAF gab es solche Diskussionen schon einmal. Erinnert sei an den Briefwechsel zwischen Kurt Sontheimer und Jürgen Habermas anno 1977.

War damals für manchen die Frankfurter Schule an allem schuld, so wittert heute mancher in den Protagonisten der Konservativen Revolution die Wegbereiter und ein „gefährliches“ Denken, vor dem es die Bürger zu schützen gelte. Die Malaise heute ist, daß die infrage gestellten Positionen und Begriffe gar nicht mehr im Original zur Kenntnis genommen werden, sondern daß man meint, mit irgendwelchen Zusammenfassungen auskommen zu können. Wer hat etwas von – und nicht nur über – Carl Schmitt, Oswald Spengler, Hans Zehrer und die anderen des „Tat“-Kreises, Hans Freyer, Gottfried Benn, Martin Niemöller oder vom Vater unseres Ex-EKD-Ratsvorsitzenden Bischofs Huber gelesen? So schreibt einer vom anderen ab, was mitunter an den immer weitertransportierten Fehlern erkennbar wird. Im Radiogespräch mit Heinz Ludwig Arnold verwies 1966 Ernst Jünger auf das "Register" Armin Mohlers als lobenswerte Zusammenstellung all der Schriften, die er - Jünger - kaum noch überblicken könne: "Ich lege Wert darauf, daß diese als Professoren verkleideten Halbstarken, daß die also doch das schneller finden, wenn sie mir was auswischen wollen von damals - ich stehe natürlich noch genau dahinter".

Innerhalb der Sekundärliteratur ist das aus der Dissertation Armin Mohlers (Basel 1949 bei Karl Jaspers) hervorgegangene, inzwischen von Karlheinz Weißmann fortgeführte Handbuch zur Konservativen Revolution eine hervorragende Ausnahme. Daß hier rechte Autoren am Werke waren, sollte Linke nicht von der Lektüre abschrecken. Es ist eine vorzügliche Quelle zum Einstieg in die Geschichte der konservativen, rechten und nationalrevolutionären Strömungen der Weimarer Republik. Die Pointe besteht seit der ersten Buchausgabe jener Doktorarbeit 1972 in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft darin, daß hier einer schrieb, der nicht auf irgendeinem Lehrstuhl saß, und der entschiedenen zwischen den konservativen Revolutionären („nationalsozialistische Trotzkisten“) und den Nationalsozialisten differenzierte, auch wenn beide die Abneigung gegen Liberalismus und parlamentarische Demokratie einte. Aber das hatten diese beispielsweise auch mit den tonangebenden kommunistischen Strömungen seinerzeit gemeinsam (wo man nicht für die Weimarer Republik, sondern für ein „Sowjetdeutschland“ eintrat; auch Linkssozialisten tönten, wie der damalige SAP-Kämpfer Willy Brandt berichtete: Republik das ist nicht viel – Sozialismus bleibt das Ziel).

In der bundesdeutschen Rechten sorgte damals Mohlers These vom Gegensatz zwischen Konservativer Revolution und Christentum für heftige Diskussionen. In Weißmanns Neubearbeitung ist das Buch nun auch auf die christdemokratische Rechte ausgerichtet; so etwa wie die rechte Wochenzeitung „Junge Freiheit“, deren Stammautor Weißmann ist, und die mancher harte Rechte wegen ihres Spagats hin zum etablierten, zahlungskräftigen christdemokratischen Milieu schon mal „Junge Feigheit“ nennt.

Natürlich findet man in dem Buch auch einiges zum sogenannten Nationalkommunismus; es soll heutzutage ja Linke geben, denen der Name Richard Scheringer oder Radeks Schlageter-Rede nichts mehr sagen. Aber die Partien über den Nationalbolschewismus bleiben im Bibliographischen doch arg dürftig

Über die Gewichtungen in den Weißmann-Ausgaben mag man streiten. Bei Mohler standen die Nationalrevolutionäre im Vordergrund: etwa Ernst Jünger oder Niekisch (Mohler war Sekretär Jüngers; Niekisch wurde nach 1945 zunächst unter dem Schirm der SED an der Humboldt-Universität aktiv). Weißmann rückt Arthur Moeller van den Bruck („Das Dritte Reich“) und Edgar Julius Jung in den Vordergrund. Bei van den Bruck findet man einen politischen Existentialismus, der anno 1922 als „revolutionär“ bestimmte: Deutschland habe noch kein „nationales, geschweige denn politisches Ich“. „Wir besitzen jetzt keine Gegenwart, und unsere Vergangenheit ist wie abgerissen, so daß wir ins völlig Ungewisse treiben. Aber wir sind an den Wendepunkt gelangt, an dem sich entscheiden muß, ob wir [...] willens und fähig werden, [...] unserem politischen Dasein die nationale Gestalt zu geben.“ Da ist nur noch Schnee von gestern, auch wenn einige Rechte auf dem Feld noch Feuer suchen, an denen sie sich im kalten Wind, der ihnen entgegenbläst, gern wärmen würden. Die Konservative Revolution interessiert realiter heute als Steinbruch, wo man noch etliche Edelsteine entdecken kann, denn die Bagger der juste milieu schaffen es nicht, auch an den Rändern alles ihnen in die Quere kommende abzuräumen und plattzuwalzen.

Auch über die kommentierte Bibliographie mag man streiten.Sie bildet vom Umfang längst den Hauptteil des Buchs: Die eigentliche Darstellung reicht bis Seite 210 – der Rest ist systematisch aufgeliederte, kommentierte Bibliographie. Mit Lücken, trotz üppiger Verweise – am Beispiel Niekisch-Kreis: Joseph Drexels Erinnerungen über seine Zeit im Konzentrationslager Mauthausen („Rückkehr unerwünscht“) werden ebensowenig erwähnt wie das Faktum, daß ihn Christdemokraten der CSU in den Tod hetzten indem diese angeblichen Patrioten ihn attackierten, weil Drexel, Herausgeber der Tageszeitung „Nürnberger Nachrichten“, in der Honecker-DDR die Ehrendoktorwürde der Humboldt-Universität entgegenzunehmen sich nicht scheute. Auch die Arbeiten Wilhelm Raimund Beyers über Niekisch bleiben unerwähnt.

In dem dicken Wälzer findet man jedoch allemal mehr Material und Anregungen als in all den mitunter voluminösen, aber inhaltlich dünnen Kampfschriften wider „volkspädagogisch unwillkommene“ (Golo Mann) Geistesgrößen, Gruppen und Zeitschriften. Wer immer noch der Ansicht ist, es könne (dürfe?) nur „Linksintellektuelle“, es würde keine brillanten rechten Theoretiker geben, dem sei eindringlich von der Lektüre dieses Buchs abgeraten, das sein Vorurteil ins Wanken bringen könnte.