Distanz verlieren!

in (22.10.2008)
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Ex Argentina. Schritte zur Flucht von der Arbeit zum Tun
Editor:
Alice Creischer, Gabriela Massuh, Andreas Siekmann
Publisher:
Verlag der Buchhandlung Walther König
Veröffentlicht 2004 in
Köln
384
pages
Price:
18 Euro

Es geht um Argentinien – und um viel mehr. Die Schritte zur Flucht von der Arbeit zum Tun beginnen dort, wo die Investoren abgehauen sind und zunehmend entrechtete Ar-beitsplätze und Arbeitslose zurückbleiben – wenn sie (sich) nicht selbst (was) organisieren könnten: „Dieses Tun ist der Gegensatz von Arbeit, es ist nämlich ein Handeln, das nicht mehr abgetrennt ist von der Umgebung und dem Leben, in dem es stattfindet.“ Die „Währungskrise“ in Argentinien 2001, tatsächlich ein jahrzehntelang vorbereiteter Kollaps neoliberaler Wirtschaftspolitik, wählt der Band als Ausgangspunkt, um in alle möglichen Richtungen auszuschwärmen: Zurück zur argentinischen Militärdiktatur und zum NS, zur Zuckerproduktion in Tucumán 1968 und zur 2001 aufgrund von Immobilienspekulation insolvent gegangenen Berliner Bankgesellschaft.

Der Zugang zu den einzelnen Überlebensstrategien und widerständigen Aktionen ist zunächst theoretisch, fast artifiziell, verliert seine Distanz aber rasch an die Lebendigkeit der politischen Kunst und der involvierten Leute. Dem Katalog zur Ausstellung, die das Kölner Museum Ludwig 2004 zeigte, gelingt ein seltenes Kunststück: Er bringt abstrakte Konzepte wie Negation, Kartographie und militante Untersuchung für die Lesenden zum Tanzen.

Neben einem einführenden Interview findet sich zu jedem Konzept eine Vielzahl möglicher Umsetzungen: Grafiken, Performances, Essays, Skulpturen, Videoclips, Wandzeitungen. Da lerne ich zum Beispiel von der argentinischen Gruppe H.I.J.O.S., wie ein Escrache als militante Untersuchung funktionieren kann: Sie spielen Verbrechen der Militärdiktatur wie die erzwungenen Geburten von Schwangeren vor dem Haus der Täter öffentlich nach und markieren das Gebäude desjenigen, der das Baby klaute und verkaufte und unbescholten lebt, im Anschluss mit Farbbeuteln.

Das Buch macht wach. Es macht Lust: anzufangen, etwas rauszufinden, genau hinzugucken und zu verändern, etwas gemeinsam zu tun, politisch zu sein. Wie könnte ein Buch schöner sein?