Professorale Freiheit oder reaktionärer Kulturkampf?

Das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit

Seit 2021 existiert mit dem Netzwerk Wissenschaftsfreiheit ein professoral dominierter Zusammenschluss von Wissenschaftler*innen, die in den Medien lautstark die Gefährdung der Wissenschaftsfreiheit durch linken Aktivismus beklagen. Christiane Fuchs wirft in ihrem Beitrag einen genaueren Blick auf das Personal und die Tätigkeiten des Netzwerks.

Das Gespenst der "Cancel Culture" geht um. Was hierzulande zunächst vor allem als Phänomen in den Feuilletons überregionaler Zeitungen stattfand, sickerte im Laufe der Zeit auch in den wissenschaftspolitischen Diskurs ein und verfügt mit dem Netzwerk Wissenschaftsfreiheit (NWF) mittlerweile über einen lautstarken Lobbyverband, der den "Cancel Culture"-Spuk kräftig befeuert. 2021 gegründet wuchs das Netzwerk rasch an und hat laut Eigenauskunft derzeit über 750 Mitglieder; die überwältigende Mehrheit davon sind Professor*innen.1 Tatsächlich kann auch keineswegs jede*r Mitglied werden, der*die Ziele des NWF unterstützen möchte. Denn Zugang erhält in der Regel nur, wer eine abgeschlossene Promotion vorweisen kann und wissenschaftlich tätig ist. Das Geld Nichtpromovierter nimmt man beim NWF aber trotzdem gerne: Wer will, kann NWF-Unterstützer*in werden - und zwar zum vollen Beitragssatz wie ordentliche Mitglieder, nur eben ohne Stimmrecht und Mitbestimmungsmöglichkeiten im Verband.

Für Studierende, die sich mangels akademischer Weihen einer Mitgliedschaft im NWF unwürdig erweisen, empfiehlt das Netzwerk die Mitgliedschaft im "Partnerverein" Studentische Initiative Hochschuldialog e.V. (SIH). Die SIH gründete sich nach eigener Darstellung als Reaktion auf das NWF und hat das partnerschaftliche Verhältnis zum Netzwerk Wissenschaftsfreiheit sogar als Vereinsziel in ihrer Satzung festgeschrieben.2 Schon diese zweigleisige Organisierungsstrategie infolge des restriktiv-exklusiven Zugangs zum NWF macht stutzig: Man sollte meinen, dass der Einsatz für die Freiheit von Forschung, Lehre und Studium - sofern es am Ende nicht doch wieder nur um den Erhalt privilegierter Machtpositionen in der Wissenschaft geht - ein einendes Anliegen ist, das sich nicht entlang akademischer Titel und hochschulischer Statusgruppen auftrennen lässt. Doch wer einen genaueren Blick auf das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit und seinen studentischen Ableger wirft, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es in Wahrheit gar nicht so sehr um Wissenschaftsfreiheit geht, sondern das Netzwerk als Plattform für die Durchsetzung einer konservativ-radikalliberalen Agenda mit reaktionären Einschlägen dient.

Kommerzialisierung, strukturelle Diskriminierung und rechte Angriffe

Es ist wahrlich nicht so, dass Wissenschaftler*innen an deutschen Hochschulen ausschließlich paradiesische Zustände vorfinden. Seit dem Siegeszug der "unternehmerischen Hochschule"3 sehen sich Forscher*innen hierzulande mit einer stagnierenden und keineswegs bedarfsdeckenden Grundfinanzierung, einer zunehmenden Abhängigkeit von Drittmitteln - deren Beantragung zudem zeitfressende Bürokratiemonster sind - und einem Abbau der akademischen Selbstverwaltung konfrontiert. Statt wissenschaftlicher Qualität entscheiden immer mehr rein quantitative, wissenschaftsfremde Kennziffern wie Zitationsquoten, die Zahl an Publikationen, die Anmeldung von Patenten und das Ausmaß eingeworbener Drittmittel über (Miss-)Erfolg im Wissenschaftssystem - mit fatalen Folgen für die Ausrichtung wissenschaftlicher Forschung. Wer darin erfolgreich bestehen möchte, orientiert sich verstärkt an Forschungstrends, denkt in den Zyklen von Förderzeiträumen und scheut allzu abseitig erscheinende, neuartige wissenschaftliche Fragestellungen. Die vom NWF bemängelte Gefahr eines zunehmenden Konformismus in der Wissenschaft besteht also wirklich - aber eben nicht als Folge vermeintlicher "Cancel Culture", sondern aufgrund ökonomischen Drucks in einem seit langem strukturell unterfinanzierten System. Für nichtprofessorale Wissenschaftler*innen verschärft sich die Lage durch multiple Abhängigkeiten in dem immer noch sehr hierarchisch strukturierten deutschen Hochschulsystem zusätzlich: Der überwiegende Teil hängt in befristeten (Ketten-)Verträgen fest, leistet eine Vielzahl unbezahlter Mehrarbeit und ihre Dienstvorgesetzten sind in den meisten Fällen zusätzlich noch Betreuer*in und Begutachter*in der Qualifizierungsarbeiten ihrer Mitarbeiter*innen in Personalunion. Angehörige marginalisierter Gruppen wie Menschen mit Behinderung, People of Colour, Kinder von Nicht-Akademiker*innen, queere Personen und Frauen werden strukturell benachteiligt, finden seltener den Weg auf eine Dauerstelle in der Wissenschaft und sind in Führungspositionen deutlich unterrepräsentiert.

Hinzu kommt ein in den letzten Jahren verstärkt zutage tretender Rechtsruck in der Gesellschaft, der auch vor den Hochschulmauern nicht Halt macht. Vor allem im Bereich der Corona- und Klima- sowie der Geschlechter- und Rassismusforschung sehen sich Wissenschaftler*innen (verbalen) Angriffen bis hin zu Morddrohungen aus dem rechten und verschwörungsideologischen Lager ausgesetzt. Derartige Anfeindungen nahmen in jüngster Zeit in solchem Ausmaß zu, dass der Bundesverband Hochschulkommunikation gemeinsam mit der Initiative Wissenschaft im Dialog unter dem Projektnamen Scicom-Support eigens eine Telefon-Hotline eingerichtet hat, um betroffenen Wissenschaftler*innen eine erste Anlauf- und Beratungsstelle anzubieten.4

In den Verlautbarungen des Netzwerks Wissenschaftsfreiheit findet man dazu abseits einiger weniger, halbherzig formulierter Statements nichts. Mehr noch: Mit aus dem Netzwerk hervorgegangenen Publikationen wie dem 2022 erschienenen Band Wissenschaftsfreiheit tragen die selbsternannten Freiheitskämpfer*innen selbst zu einem feindseligen Klima in der Wissenschaft bei. Der von der NWF-Vorsitzenden Sandra Kostner verantwortete Sammelband setzt in weiten Teilen auf polemische Angriffe, wettert gegen sogenannte "Agendawissenschaftler" und angeblich grassierende "Dogmen der identitätslinken Läuterungsagenda".5 Das Feindbild macht der Großteil der Autor*innen - allesamt NWF-Mitglieder - vor allem in (Anti-)Rassismusforschung sowie den Gender und Queer Studies aus. Statt sich jedoch mit inhaltlich fundierter, wissenschaftlicher Kritik daran abzuarbeiten, setzen viele der Beiträge lieber auf Ad hominem-Argumente, streuen hier und da eine Handvoll anekdotischer Einzelfälle ein und zielen auf eine Diskreditierung und Delegitimierung ganzer Wissenschaftszweige ab.6 Forderungen nach gleichstellungsfördernden Maßnahmen und der stärkeren Berücksichtigung geschlechtlicher wie sexueller Vielfalt in der Wissenschaft, wie sie die Bundeskonferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten an Hochschulen (bukof) erheben, sind dem NWF ebenso ein Dorn im Auge.7

Vor diesem Hintergrund überrascht es wenig, dass sich in der Mitgliederliste des Netzwerks Personen wie der Evolutionsbiologie Axel Meyer, der seit vielen Jahren Gender Mainstreaming und sozialwissenschaftliche Geschlechterforschung als Ideologie verunglimpft, finden.8 Auch der Biologe Hans Peter Klein, der bereits 2016 im NZZ Magazin geforderte hatte, die staatliche Finanzierung der Gender Studies abzuschaffen, war zeitweise Mitglied im NWF.9 Mittlerweile ist er zwar wieder aus dessen Mitgliederliste verschwunden, aber das Netzwerk rühmt sich auf seiner Homepage weiterhin mit einem Interview, das Klein 2022 der Jungen Freiheit, einem Sprachrohr der "Neuen Rechten", gegeben hat zum Thema - man ahnt es - der angeblichen "Abschaffung des Geschlechts" durch Gender-Theorien.10

Anti-Genderismus" und Queerfeindlichkeit als Spielarten des Antifeminismus haben eine ideologische Scharnierfunktion zwischen bürgerlich-konservativen, (fundamentalistisch-)christlichen Lagern und der radikalen Rechten. Wenngleich man bei anderen Positionen (noch) weit auseinanderliegen mag, das Feindbild "Gender" und "Queerness" vereint. Das lässt sich gut am Netzwerk Wissenschaftsfreiheit beobachten, wo man offenkundig kein Problem mit Personen hat, die sich im braunen Fahrwasser der politischen Rechten bewegen. Als der C.H.-Beck-Verlag Anfang dieses Jahres die Zusammenarbeit mit dem CDU-Rechtsaußen Hans-Georg Maaßen aufkündigte, sprang ihm das NWF zur Seite und warf dem renommierten Münchner Verlag vor, vor einer Medienkampagne eingeknickt zu sein.11 Dass Maaßens Rauswurf bei C.H. Beck der Tatsache geschuldet ist, dass sich der ehemalige Verfassungsschutzchef seit einigen Jahren offenkundig verschwörungsideologischer und rechtsradikaler Rhetorik bedient, gegen Geflüchtete hetzt, für eine Zusammenarbeit mit der AfD wirbt und sich nach eigener Aussage "gegen jede Art von Ökosozialismus und Gender-Wokismus einsetz[t]"12, daran stört sich beim Netzwerk Wissenschaftsfreiheit offenbar niemand. Allgemein hat das Netzwerk wenig Berührungsängste mit (ganz) rechts außen. So finden sich in ihren Mitgliedsreihen Personen wie Werner Patzelt. Der Politikwissenschaftler interessierte sich früh für die in Dresden seit Herbst 2014 aktive islamfeindliche und rassistische PEGIDA-Bewegung - und avancierte schnell zum medial gefragten PEGIDA-Experten. Patzelt nahm selbst an mehreren PEGIDA-Demos teil und warb dafür, die Sorgen der PEGIDA -Anhänger*innen ernst zu nehmen, wofür er deutliche Kritik von seinen Wissenschaftskolleg*innen und Studierenden kassierte. Er verharmlose die ausgrenzenden und extrem rechten Positionen von PEGIDA, warfen sie ihm vor, und vermenge obendrein seine wissenschaftliche Arbeit mit politischem Aktivismus.13 Selbst für Kommentare und Interviews in der Jungen Freiheit oder der antifeministischen und queerfeindlichen Demo für alle ist sich der Politikwissenschaftler nicht zu schade.14 Patzelt ist mittlerweile emeritiert, allerdings weiterhin politisch umtriebig: Aktuell ist er Forschungsdirektor des Brüsseler Büros des Mathias Corvinus Collegiums, das als Kaderschmiede des rechtsnationalen ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán gilt.15 Mit Martin Wagener hat das NWF zudem ein Mitglied, das selbst dem Verfassungsschutz zu rechts ist. Der Politikwissenschaftler lehrt an der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung und bildete im Auftrag des Bundesnachrichtendiensts (BND) und des Bundesamts für Verfassungsschutz angehende Geheimdienstler*innen aus - bis ihm der BND zunächst Hausverbot erteilte und später den für Lehrtätigkeiten nötigen Sicherheitsbescheid entzog. Der Anlass dafür waren Publikationen Wageners, in denen er u.a. einen vier Meter hohen Betonwall um Deutschland herum zur Abwehr von "Überfremdung" forderte und sich auf das bei der Identitären Bewegung beliebte Konzept des "Ethnopluralismus" berief.16 Beim NWF erkennt man daran jedoch nichts Anstößiges.17

Auch Corona-Schwurbler finden ihren Platz im Netzwerk: Da ist beispielsweise der Philosoph Michael Esfeld, welcher der Bundesregierung in puncto Corona-Schutzmaßnahmen eine Nähe zu Diktaturen vorwirft, "Pandemiewissenschaft" als partielle "Zerstörung der Wissenschaftsfreiheit" begreift und sich nicht scheut, seine Behauptung der Gefährlichkeit von Corona-Impfungen mit Falschmeldungen zu untermauern.18 Oder Michael Meyen, Professor für Kommunikationswissenschaft an der LMU München, der zeitweise Mitherausgeber der Querdenken-Zeitung Demokratischer Widerstand war, in der auch Rechtsradikale wie Jürgen Elsässer, Götz Kubitschek oder der Verschwörungsideologe Anselm Lenz publizieren.19

Im NWF wappnet man sich gegen derartige Einschätzungen übrigens, indem bereits Zuschreibungen wie "anschlussfähig an rechte Diskurse", "umstritten", "verharmlosend" oder "auf dem linken Auge blind" als - wörtlich - Diffamierungen gebrandmarkt werden.20 Auf diese Weise immunisiert sich das Netzwerk gegen unbequeme Kritik und verabschiedet sich endgültig aus einem offenen und kritischen Diskurs.

Denkfabrik Republik21

Der reaktionäre Kulturkampf gegen "Wokeness" und "Cancel Culture" beschränkt sich nicht auf den Hochschulkosmos. Mit der Republik21 (R21) existiert seit 2021 eine Denkfabrik, die eng mit dem Netzwerk Wissenschaftsfreiheit verquickt ist. Das beginnt bei den Initiator*innen der R21, unter denen sich bekannte Gesichter aus der Gründungsriege des NWF befinden - allen voran R21-Leiter Andreas Rödder, der zugleich einer der Hauptinitiator*innen des NWF war. Rödder, der nicht nur Historiker und Wissenschaftsaktivist ist, sondern auch Vorsitzender der Grundwertekommission der CDU war, sorgte jüngst für Furore, als er für Minderheitsregierungen der Union in Ostdeutschland mithilfe gelegentlicher Unterstützung der AfD warb. Das ging selbst seinen Parteikolleg*innen zu weit - die CDU distanzierte sich von Rödders Äußerungen und der Historiker trat kurz darauf von seinem Posten als Kommissionsvorsitzender zurück.21 Auch dem NWF-Gründungsmitglied Ulrike Ackermann begegnet man wieder: Sie sitzt aktuell im Beirat der R21. Mit Susanne Schröter als R21-Initiatiorin gibt es eine weitere Verbindung zum NWF: Sie ist dort aktuell stellvertretende Vorsitzende.

Die Frankfurter Ethnologie-Professorin handelte sich in der Vergangenheit mit einer von ihr organisierten Kopftuch-Konferenz den Vorwurf ein, antimuslimischen Rassismus zu schüren. Dieses Jahr geriet sie mit einer umstrittenen Migrationskonferenz erneut in die Schlagzeilen: Ihre Kritiker*innen warfen ihr vor, mit ihrer Referent*innen-Auswahl Ressentiments zu befeuern. Den eigentlichen Eklat produzierte am Ende jedoch der als Referent eingeladene Boris Palmer, der mehrfach das "N-Wort" benutzte und Vorwürfe ihm gegenüber mit dem Tragen eines Judensterns verglich.22

Anders als das NWF begrenzt die R21 ihren Aktivismus nicht auf den Hochschulbereich, was auch ihr Personaltableau widerspiegelt. Neben den oben genannten Wissenschaftler*innen trifft man dort beispielsweise auf die ehemalige CDU-Familienministerin und heutige Welt-Kolumnistin Kristina Schröder, den ehemaligen FDP-Bundestagsabgeordneten und Fraktionsvorsitzenden Hermann Otto Solms, den Vorsitzenden der [i]Friedrich-Naumann-Stiftung[/i] Karl-Heinz Paqué oder auch den NZZ-Chefredakteur Eric Gujer. Hinzu kommt eine Reihe von Unternehmer*innen und Manager*innen im Beirat und im Kreis der R21-Initiator*innen.

Die R21 tritt nach eigener Aussage für "einen leistungsfähigen schlanken Staat", "nachhaltiges Wachstum" und "weltoffenen Patriotismus" ein und propagiert das Bild einer neuen Bürgerlichkeit.23 Dazu gehört auch eine Kampagne gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, dem die R21 tendenziöse Berichterstattung, handwerkliche Mängel und "links-grüne" Meinungsdominanz insbesondere bei Klima-, Energie-, Migrations- und identitätspolitischen Themen vorwirft.24 Mit ihrer Tagung "Wokes Deutschland - Identitätspolitik als Bedrohung unserer Freiheit?" im vergangenen Jahr machte die Denkfabrik klar, wo sie und ihre Anhänger*innen programmatisch stehen: Sie wähnen sich bedroht von einer linken Identitätspolitik, die ihrer Ansicht nach für Demokratie und Freiheit noch gefährlicher sei als der weltweit beobachtbare Rechtsruck.25

Reaktionärer Kulturkampf

Wirklich neu ist die Klage über einen kulturellen Niedergang und die Bedrohung der Demokratie von links aber nicht - auch nicht im Hochschulbereich. Als in den 1960er Jahren die Rufe nach einer Demokratisierung der Hochschule immer lauter wurden und erste Niederschläge in der Hochschulgesetzgebung fanden, dauerte es nicht lange, bis sich Widerstand formierte. 1968 versammelte sich rund ein Viertel der deutschen Professor*innenschaft unter dem "Marburger Manifest", das am Modell der Ordinarienuniversität festhielt und jeglichen Mitbestimmungsmöglichkeiten für nichtprofessorale Hochschulmitglieder eine Absage erteilte. Zwei Jahre später gründete sich mit dem Bund Freiheit der Wissenschaft (BFW) ein konservativ-elitärer Verband, der eigene Standesprivilegien in der akademischen Selbstverwaltung aufs Schärfste verteidigte und dem angeblich drohenden kommunistischen Umsturz an deutschen Hochschulen und linken Umtrieben jeglicher Art den Kampf ansagte.26 Der BFW löste sich 2015 auf - und hat nun offenbar mit dem Netzwerk Wissenschaftsfreiheit einen Wiedergänger gefunden.27 Nur heißt das Feindbild heute eben nicht mehr Kommunismus, sondern "Wokeness", "Cancel Culture" und Identitätspolitik - was genau damit gemeint ist, wird in der Regel offengelassen. Diese bewusst unscharf gehaltenen Begriffe dienen den professoralen Freiheitskämpfer*innen letztlich vor allem als Chiffren, um kritische Analysen von Machtverhältnissen und Maßnahmen zum Abbau struktureller Diskriminierung zu verunglimpfen und abzuwehren.

Die NWF-Aktivist*innen verweisen gern auf die Zustände in den USA als Drohkulisse, was uns hierzulande noch bevorstehen wird. Tatsächlich lohnt sich ein Blick in die Vereinigten Staaten, wenn auch unter anderen Vorzeichen, als das NWF suggeriert. Denn dort tobt seit längerem ein sich immer stärker zuspitzender Kulturkampf, der auch vor dem Bildungssektor nicht Halt macht und durch eine unheilvolle Fusion christlich-konservativer, radikalliberaler und extrem rechter Kräfte befeuert wird. Statt sich den real existierenden Problemen eines von extremer sozialer Ungleichheit gezeichneten Bildungssystems zu stellen, bekämpft die US-amerikanische Rechte rassismuskritische und gendersensible Lehrinhalte und schreckt dabei auch nicht vor offener Zensur zurück.28 Die American Association of University Professors zählt gegenwärtig 57 Gesetze in 23 US-Staaten, die aus ihrer Sicht einen Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit darstellen. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie das Sprechen über "race" sowie geschlechtliche und sexuelle Identität massiv einschränken, Gelder für diversitäts- und inklusionsfördernde Maßnahmen kürzen, auf eine obligatorische Erhebung politischer Positionierungen von Einzelpersonen abzielen und zudem die Festanstellung von Lehrkräften abschaffen wollen.29

Die wahren Feinde der Wissenschaftsfreiheit - sie stehen nicht im linken Lager, sondern sind im Aufrieb rechter "Kulturkämpfer" und einer tiefgreifenden Ökonomisierung des Bildungswesens auszumachen.

Anmerkungen

1) Vgl. die Mitgliederliste auf der NWF-Homepage: https://www.netzwerk-wissenschaftsfreiheit.de/ueber-uns/mitglieder/ [Stand: 1.11.23].

2) Vgl. dazu die SIH-Gründungserklärung aus dem Frühjahr 2021: https://www.sih-ev.de/gr%C3%BCndungserkl%C3%A4 rung; sowie die Vereinssatzung: https://www.sih-ev.de/mitmachen [Stand: 1.11.23].

3) Zur "unternehmerischen Hochschule" als Ausdruck einer in den 1990er Jahren einsetzenden und bis heute anhaltenden Neoliberalisierung der Hochschul- und Wissenschaftspolitik in Deutschland vgl. Klemens Himpele et al. 2014: Die unternehmerische Hochschule, Marburg.

4) Vgl. die Meldung "Anlaufstelle für angefeindete Wissenschaftler geht an den Start", in: Forschung & Lehre, v. 17.07.2023, https://www.forschung-und-lehre.de/zeitfragen/anlaufstelle-fuer-angefeindete-forschende-geht-an-den-start-5777. Für weitere Infos zur Inanspruchnahme der Hotline vgl. https://scicomm-support.de/  [Stand: 1.11.23].

5) Sandra Kostner 2022: "Hochschulen in den 2020er-Jahren. Intellektuelle Vielfalt oder intellektuelle Lockdowns?", in: dies. (Hg.): Wissenschaftsfreiheit. Warum dieses Grundrecht zunehmend umkämpft ist, Baden-Baden: 7-30; hier: 7 und 20.

6) Für eine kritische Rezension vgl. Christiane Fuchs 2023: Rez. "›Intellektueller Lockdown‹ des Netzwerks Wissenschaftsfreiheit", in: Forum Wissenschaft 40, H. 2: 61f.

7) Vgl. dazu den NWF-Brief an die damalige BMBF-Ministerin Anja Karliczek v. 04.08.21: https://www.netzwerk-wissenschaftsfreiheit.de/wp-content/uploads/2021/08/NW-Schreiben-bukof-1.pdf [Stand: 1.11.23].

8) Zu Meyers "Antigenderismus" habe ich an anderer Stelle bereits ausführlicher geschrieben, vgl. Christiane Fuchs 2018: "Queerfeindlichkeit in der Wissenschaft", in: Forum Wissenschaft 35, H. 3: 23-26.

9) Vgl. Hans Peter Klein: "Die Wissenschaft leidet unter dem Diktat der Gender Studies", in: NZZ Magazin, v. 15.05.16, https://magazin.nzz.ch/meinungen/externe-standpunkt-wissenschaft-leidet-unter-diktat-gender-studies-ld.149714?reduced=true; Klein wurde bis mindestens August 2022 als NWF-Mitglied noch geführt; vgl. https://web.archive.org/web/20220802065820/https://www.netzwerk-wissenschaftsfreiheit.de/ueber-uns/mitglieder/ [Stand: 1.11.23].

10) Vgl. Interview mit Hans Peter Klein: "Die Abschaffung des Geschlechts", in: Junge Freiheit, v. 04.11.22, https://jungefreiheit.de/debatte/interview/2022/gender-contra-geschlecht/; zum Homepage-Eintrag des NWF vgl. https://www.netzwerk-wissenschaftsfreiheit.de/presse/interviews-mit-mitgliedern/ [Stand: 1.11.23].

11) Vgl. Pressemitteilung des NWF v. 19.01. 2023: "Netzwerk Wissenschaftsfreiheit kritisiert Beck-Verlag für die Beendigung der Zusammenarbeit mit Hans-Georg Maaßen", https://www.netzwerk-wissenschaftsfreiheit.de/presse/pressemitteilungen/ [Stand: 1.11.23].

12) "Maaßen neuer Chef der Werteunion", Tagesschau-Artikel v. 28.01.23, https://www.tagesschau.de/inland/maassen-werteunion-103.html [Stand: 1.11.23].

13) Zwölf seiner Mitarbeiter*innen am Dresdner Institut für Politikwissenschaft distanzierten sich öffentlich in einem Brandbrief von Patzelt; vgl. https://www.theorieblog.de/wp-content/uploads/2015/01/Stellungnahme-Mitarbeiter.pdf [Stand: 1.11.23].

14) Vgl. z.B. Werner Patzelt: "Vertrauen verspielt", in: Junge Freiheit, 03.10.21; "Die düsteren Wurzeln der ›Sexualpädagogik der Vielfalt‹", Interview v. 11.09.20, https://demofueralle.de/2020/09/11/die-duesteren-wurzeln-der-sexualpaedagogik-der-vielfalt-interview-mit-prof-werner-patzelt/ [Stand: 1.11.23].

15) Vgl. https://brussels.mcc.hu/person/professor-emeritus-dr-werner-j-patzelt; zum MCC vgl. Johannes Greß / Christian Bunke: "Orbánismus am Kahlenberg", in: Der Standard, 24.05.23, https://www.derstandard.at/story/3000000030783/orbanismus-am-kahlenberg-wie-eine-wiener-uni-an-das-ungarische-regime-geraet [Stand: 1.11.23].

16) Vgl. Georg Heil / Markus Pohl: "BND entzieht Professor Sicherheitsfreigabe", in: Tagesschau.de, v. 02.02.22, https://www.tagesschau.de/investigativ/rbb/bnd-professor-103.html [Stand: 1.11.23].

17) Vgl. die Stellungnahmen des NWF zur Causa Wagener:https://www.netzwerk-wissenschaftsfreiheit.de/wp-content/uploads/2022/07/Stellungnahme-Wagener-1.pdf; https://www.netzwerk-wissenschaftsfreiheit.de/wp-content/uploads/2022/11/Stellungnahme-AufnahmeWagener.pdf [Stand: 1.11.23].

18) Vgl. Michael Esfeld 2022: "Wie der politische Gebrauch von Wissenschaft die Wissenschaftsfreiheit unterminiert", in: Kostner (Hg.): Wissenschaftsfreiheit (s. Anm. 5): 203-217. Zum Zitat zur "Pandemiewissenschaft": ebd.: 209.

19) Die bayerische Landesstaatsanwaltschaft hat mittlerweile ein Disziplinarverfahren gegen Meyen aufgrund seiner Mitherausgeberschaft eingeleitet; "München: Disziplinarverfahren gegen Uni-Professor eingeleitet", BR24, 17.08.23, https://www.br.de/nachrichten/bayern/disziplinarverfahren-gegen-umstrittenen-lmu-professor-meyen, TkGOLAR; Markus Blume äußert sich zu umstrittenem LMU-Professor, t-online, 30.03.23, http:// https://www.t-online.de/region/muenchen/id_100153216/lmu-professor-und-querdenker-michael-meyen-markus-blume-aeussert-sich.html [Stand: 1.11.23].

20) Vgl. NWF: "Vorbemerkungen", in: https://www.netzwerk-wissenschaftsfreiheit.de/dokumentation/ [Stand: 1.11.23].

21) Vgl. "Andreas Rödder offen für Minderheitsregierung - auch mit Unterstützung der AfD", Spiegel Online v. 19.09.23, https://www.spiegel.de/politik/deutschland/cdu-andreas-roedder-offen-fuer-minderheitsregierungen-mit-der-afd-a-3fd32d81-aeb3-4f29-85a7-c065f7e14789 [Stand: 1.11.23].

22) Vgl. Christina Erdkönig: "Tübingens OB Palmer löst auf Konferenz Debatte über N-Wort aus", SWR Aktuell v. 29.04.23, https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/tuebingen/palmer-verwendet-n-wort-bei-veranstaltung-zu-migration-100.html [Stand: 1.11.23].

23) Vgl. https://denkfabrik-r21.de/mission/; Gregor Mayntz: "Die Republikaner kommen". Rheinische Post v. 04.11.21, https://rp-online.de/politik/deutschland/neue-denkfabrik-die-republikaner-kommen_aid-63879363 [Stand: 1.11.23].

24) Vgl. https://www.oerr-denkfabrik-r21.de/  [Stand: 1.11.23].

25) Vgl. Nils Markwardt: "Plötzlich selbst woke", Zeit Online v. 8.11.23, https://www.zeit.de/kultur/2022-11/identitaetspolitik-wokeness-bedrohung-thinktank [Stand: 1.11.23].

26) Vgl. Torsten Bultmann 2018: "Der BdWi und seine politischen Gegner", in: Gegen den Strom schwimmen - 50 Jahre BdWi, Marburg: 22-26.

27) Zu den Parallelen zwischen BFW und NWF vgl. Nikolai Wehrs 2021: "›Bund Freiheit der Wissenschaft‹ reloaded? Vergleichende Überlegungen zum Professorenprotest des Netzwerks Wissenschaftsfreiheit", in: Forum Wissenschaft 38, H. 2: 18-21.

28) Für eine ausführliche und zugleich pointierte Analyse vgl. Adrian Daub 2022: Cancel Culture Transfer. Wie eine moralische Panik die Welt erfasst, Berlin.

29) Vgl. Annika Brockschmidt 2023: "Amerikas Wissenschaftsfreiheit in Gefahr", in: DSW Journal, H. 2/3: 18-23.

Christiane Fuchs ist Historikerin und politische Geschäftsführerin des BdWi.